Klassenrat mit Schäfchen

Tom, 8 Jahre alt, einen Aktenordner auf dem Schoß, blickt in die Runde. An seinem grünen Kapuzenpulli baumelt ein Namensschild. „Präsident“ steht drauf. Rechts neben ihm sitzt Lennart, laut Schild der Protokollführer. „Heute beschäftigen wir uns damit, dass die Jungs immer Quatsch machen“, sagt Tom. Schon schnellen die ersten Hände in die Höhe. Justin, mit Stift und Schreibblock ausgerüstet, notiert sich die Reihenfolge. „Henni ist als erstes dran, dann Julia und Leonard.“

 

Die Klasse 3a, 14 Jungs und 7 Mädchen, hält zum ersten Mal einen Klassenrat ab. Es ist Projektwoche, und statt mit Deutsch und Mathe beschäftigen sich die Kinder mit den Grundregeln der Demokratie: Wie gehen wir achtsam miteinander um, wie diskutieren wir Probleme, ohne dass sich jemand ausgegrenzt fühlt – und wie finden wir gemeinsam Lösungen. Am Vortag haben die Drittklässler aufgeschrieben, was sie in letzter Zeit gefreut oder geärgert hat. Jetzt liegen die Zettel thematisch sortiert auf dem Boden, der erste soll besprochen werden. Doch noch sind alle ein wenig aufgeregt. Bevor Tom weiterfahren kann, muss Heike Westerkamp, die Klassenlehrerin, erst noch erklären, was ein Protokoll ist. Dann erinnert sie die Schülerinnen und Schüler an die Regel, Streitereien zwischen einzelnen Kindern nur zu besprechen, wenn die Betroffenen damit einverstanden sind.

 

„Wenn die Jungs Quatsch machen, kann ich oft nicht konzentriert arbeiten, weil sie sind ja auch laut“, beginnt Henni. Ihre Freundin Skadi nickt. „Oder plötzlich fliegt da ein Flieger rum“, ergänzt Julia und reicht das weiße Schäfchen, das zeigt, wer gerade sprechen darf, an Leonard weiter. „Ich kann schon verstehen, dass es euch Mädchen ärgert“, meint er. Spätestens da allerdings sind die meisten Jungs ganz anderer Meinung. Die Mädchen müssten sich halt nicht in alles einmischen, lassen die „Quatschmacher“ verlauten. Überhaupt seien sie oft so zickig. Das wiederum lassen die Mädchen nicht gelten. Im Klassenrat wird es ziemlich laut, das Schäfchen kommt gar nicht mehr hinterher. Zeit für die Lehrerin, in die Debatte einzugreifen. „Jetzt haben sehr viele Kinder was zu diesem Thema gesagt. Wir sollten zum nächsten Punkt kommen.“ Sie flüstert dem Präsidenten etwas ins Ohr. „Seid bitte still. Wir suchen jetzt eine Lösung“, sagt Tom. Heike Westerkamp ergänzt, dass es im Klassenrat nie darum gehe, jemanden zu bestrafen, sondern darum, eine Vereinbarung zu finden, mit der alle einverstanden sind. „Eine Woche lang die Tische abwischen“, schlägt jemand vor. Per Abstimmung einigt sich die Klasse darauf, dass die Mädchen künftig die Namen der Jungs aufschreiben, wenn sie zuviel Quatsch machen, und zur Lehrerin gehen.